Interview: Gertraud Hinterseer

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G. Hinterseer

 

 

 

 

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Woraus schöpfen Sie Kraft und Motivation für Ihre Arbeit?
Da ist einmal allem voran die Möglichkeit, sehr viele und unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Positionen, Verantwortungsbereichen und Aufgaben kennenzulernen, mit ihnen zusammenzuarbeiten und Entwicklungen - kleine und große - zu begünstigen. In Seminaren, in der Mediation und im Coaching gibt es zwar gute und hilfreiche Standards, aber die direkte Arbeit mit Menschen ist jedesmal neu, anders, herausfordernd, besonders und einzigartig - sehr lebendig eben. Und das mag ich. Sehr.

Auch mein lebhafter Austausch mit zahlreichen Kollegen und Kolleginnen im engeren Kreis und im weiteren Umfeld schätze ich als enorme Bereicherung. Dabei ist die Frage nach Motivation, Antrieb und Kraft für die Arbeit eine meiner Lieblingsfragen für Austauschgespräche!

Die größte Motivation für die Arbeit ist für mich die Arbeit selbst, das Tun. Das klingt vielleicht ein bisschen stressig oder gar arbeitssüchtig? - Meine Begabung zur "Muse" und zur Privatheit bewahren mich vor solchen Einseitigkeiten ;-)

Haben Sie sich ein Jahresmotto gegeben? Welches?
Eine "Überschrift" für dieses Jahr lautet: "verweilen - vertiefen - Zwischenräume erweitern". Ich habe es als Kontrast gesetzt zum alltäglichen Geschwindigkeitsrausch zwischen Büro, Haushalt, Telefonate, Besprechungen, Familie, Arbeitsprojekte, Seminarfahrten usw.usf. Im Eilen von einer Aufgabe zur anderen passiert es so leicht: während ich das eine tu, wird das nächste schon gedacht und vorbereitet. Dabei habe ich die Idee, dass es gar nicht um eine Verlangsamung geht, sondern vielmehr um ein Verweilen in der Tätigkeit, die grade angesagt ist.

Worauf sind Sie zur Zeit besonders stolz zur Zeit?
Auf meine Kinder, die 19 und 20 Jahre alt sind und mir in vielen Dingen unbekannte, neue Sichtweisen auf das Leben eröffnen. Stolz bin ich auch auf meinen vielfältigen, inspirierenden Freundeskreis und auf die kleinen, immer wieder belebenden Gespräche mit meiner Nachbarin.

Eine Lebensweisheit, die Sie sogar ihren (zukünftigen) Enkelkindern ans Herz legen würden ...
Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen.
(Das ist ein Zitat von Stanislaw Lec - ich finde, man sollte es weitersagen!)

Was schätzen Sie an der Kultur, aus der Sie kommen?
Die Berge, den Dialekt, die Sturheit mancher, die Kasnocken und die Kerschflenken (und viele andere wunderbare Pinzgauer Spezialitäten), die Verbundenheit der Leute mit der Landschaft (ist ja auch verständlich, weil sie so schön ist). Und die Arbeitsmoral - auch wenn ich sie manchmal verfluche. ...ich bin im Pinzgau aufgewachsen und bin immer wieder gerne dort.

Ihr persönlicher Musiktipp?
Da gibt es viele : zum Beispiel Laurie Anderson " Strange Angels ", oder Thelonius Monk in Tokyo, oder Miles Davis "Kind Of Blue", oder Frank Zappa "Apostrophé", oder Arvo Pärt "Alina" und "Miserere", oder Bachs Matthäus Passion von Harnoncourt eingespielt, oder Werner Pirchner "ein halbes Doppelalbum" , oder Charlie Haden und Pat Metheny "Beyond the missouri sky", oder Gabriel Faures Requiem (wunderbar!) oder Górecki "Symphony Nr.3", oder Rebekka Bakken und Wolfgang Muthspiel "Beloved", oder die Kantaten für Bass von Bach, oder Miles Davis "Star People", oder Dimitri Shostakovich "Violin Konzerte" uvm.


Was verbinden Sie mit dem Wort "lernen"?

Disziplin, Schritt für Schritt, Geduld, Ruhe und Vertiefung, Konzentration, Neugier, Forschungsdrang und Wissensdurst, Abenteuer und Aufbruchsstimmung zu neuen Aussichtsplätzen, im Gehirn und anderswo! Aber auch Veränderungen, Ungewißheit, die Angst vorm "Nicht-können", "Nicht-verstehen", Vergessen und gewohnte Standpunkte loslassen ...

Was möchten Sie noch lernen?
Ich möchte gerne noch viel besser französisch sprechen, ich würde gerne Snowboard fahren können, ich möchte gerne meine Gedanken noch viel systematischer und vor allem flotter niederschreiben können. Ich möchte gerne schneller und besser wissenschaftliche, philosophische Texte lesen lernen. Und wenn ich aufgeregt und nervös bin, möchte ich trotzdem klar denken und ruhig reden können.

Ihr Lieblingsbuch?
Ich schätze sehr die messerscharfe Sprache von Elfriede Jelinek (Die Liebhaberinnen), mich fasziniert Elias Canettis "Masse und Macht", und zu meiner Lieblingsliste zählen Sartre "Das Spiel ist aus", "Verführungen" von Marlene Streeruwitz, Philippe Djian "Krokodile" (Kurzgeschichten), Anne Michels "Fluchtstücke" und Marcus Werner "Am Hang".

Ihr Lieblingsfilm?
"Kottan", immer wieder sehenswert! Sehr schön finde ich auch "Chocolat" und "Harold und Maud".

Worüber werden Sie noch ein Buch schreiben?
Die Liste ist lang und wird länger: Über praktische Erfahrungen aus dem Konfliktmanagement, über soziologische Beratung, über Zeitmanagement für Mütter und Väter, über Freiheit, Verantwortung und Entscheidung, über nützliche und hinderliche Verhältnisse zwischen Profit- und Non-Profit Organisationen, über Qualitätsansprüche in Sozialen Berufen. Über die Soziologie der Emotionen und über die Rolle von Gefühlen in Konflikten.

Welche Reise würden Sie gerne machen?
Ich würde gerne verschiedene Gegenden in Frankreich bereisen. Aber im Grunde habe ich keine besonders ausgeprägten Reiseziele - wenn ich erst mal unterwegs bin, komme ich recht schnell ins Schwärmen darüber, wie schön die Welt doch ist. Zwei Reise"bilder" habe ich für dieses Jahr: ich möchte gerne irgendwo unter einer Pinie sitzen und ich möchte gerne von einem Berggipfel runterschauen.

Ihr "Anti-Wort" - ein Satz oder Wort, das Sie nicht gern hören?
Geht das nicht schneller? ...dazu würde ich mit Günter Anders sagen: Das Prompte ist das Barbarische.

Was macht für Sie eine richtig gute Arbeits- oder Geschäftsbeziehung aus?
Ebenbürtigkeit im Qualitätsanspruch, eine interessante Aufgabe, einander ergänzende Fähigkeiten im Hinblick auf die Aufgabenstellung, gegenseitige Neugier, Inspiration und Tatendrang. Und Sinn für Humor.

Ihre Lieblingsspeise?
Lachsforelle mit Blattspinat und Bratkartoffeln. Schon alleine wegen der Farben!

Womit sorgen Sie für Ihre Ausgeglichenheit? Wie vermeiden Sie burnout?
Gespräche und Zeit mit Freunden und Freundinnen, in die Sauna gehen, schwimmen, Tee trinken (vor allem Darjeeling), ausgewählt Musik hören, im Sommer abends draußen sitzen, mich mit meinem Sohn und meiner Stieftochter in der Küche oder beim Autofahren in Gespräche verwickeln, Spaziergänge und Wanderungen alleine oder mit Begleitung (am liebsten im Wald oder noch besser in den Bergen), kochen, singen, Gedanken und Erlebnisse niederschreiben, die Pflanzen im Haus und im Garten pflegen und hegen, die Wohnung mit Blumen schmücken, Kurzgeschichten lesen, ausgedehnte Frühstückszeremonien an freien Tagen mit Zeitungslektüre.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Freunde aus?
Nach der Möglichkeit, Begegnungen zu erleben. Das klingt aufs Erste recht einfach, weil man ja meinen könnte, dass man eigentlich täglich Menschen begegnet. Aber ... für mich leben Begegnungen in diesem Sinne von einem Begehren nach Entwicklung und Entfaltung im Leben, von Neugier, von dem Wagnis, sich zu verändern in der Begegnung, sich zu zeigen und oft auch sich selber neu zu entdecken im Blick des anderen. Klingt ziemlich abenteuerlich, ... und ist es auch. Außerdem ist mir wichtig, miteinander genug Anlässe zum Lachen zu haben.

 

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