Interview: Gertraud Hinterseer

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G. Hinterseer

 

 

 

 

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Woraus schöpfen Sie Kraft und Motivation für Ihre Arbeit?
Ich lerne sehr viele Menschen mit unterschiedlichen Positionen, Verantwortungsbereichen und Aufgaben kennen, arbeite mit ihnen zusammen und bringe mit ihnen Entwicklungen in Gang - kleine und große. In Seminaren, in der Mediation und im Coaching gibt es zwar gute und hilfreiche Standards, aber die direkte Arbeit mit Menschen ist jedesmal neu, anders, herausfordernd, besonders und einzigartig - sehr lebendig eben. Diese Vielfalt und Lebendigkeit ist für mich eine starke Motivationsquelle.

Auch den fachlichen und persönlichen Austausch mit zahlreichen Kollegen und Kolleginnen im engeren Kreis und im weiteren Umfeld schätze ich als große Bereicherung. Dabei ist die Frage nach Motivation, Antrieb und Kraft für die Arbeit eine meiner Lieblingsfragen für Austauschgespräche! Die größte Motivation für die Arbeit ist für mich die Arbeit selbst, das Tun. Das klingt vielleicht ein bisschen stressig oder gar arbeitssüchtig? - Meine Begabung zur "Muse" und zur Privatheit bewahren mich vor solchen Einseitigkeiten.

Haben Sie sich ein Jahresmotto gegeben? Welches?
Eine "Überschrift" für dieses Jahr lautet: "Iich habe Zeit - ich habe Kraft - ich habe Schwung". Diese Kombination ist mir ein hilfreicher Leitgedanke, auf einen guten Rhythmus zwischen Arbeit und Freizeit zu achten, meine Kräfte zu pflegen und meine Aufmerksamkeit für Impulse, Schwungkräfte und Inspirationen aus Begegnungen und Erlebnissen zu verfeinern. Eine besondere Idee begleitet mich dabei schon seit längerem: die Reziprozität oder Wechselseitigkeit! Zeit haben, um Zeit zu geben. Schwung aufnehmen und Schwung weitergeben.

Worauf sind Sie zur Zeit besonders stolz zur Zeit?
Auf meinen Sohn und meine Stieftochter, die bereits erwachsen sind und mir in vielen Dingen unbekannte, neue Sichtweisen auf das Leben eröffnen. Und es ist wohl weniger Stolz als vielmehr Freude und Dankbarkeit, wenn ich auf meinen Freundeskreis schaue, auf die mir so wichtigen Menschen um mich, deren Entwicklungen ich mitbegleiten darf und von denen ich mich in so vielem nah begleitet fühle.

Eine Lebensweisheit, die Sie sogar ihren (zukünftigen) Enkelkindern ans Herz legen würden ...
Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen.
(Das ist ein Zitat von Stanislaw Lec - ich finde, man sollte es weitersagen!)

Was schätzen Sie an der Kultur, aus der Sie kommen?
Die Berge, den Dialekt, die Sturheit mancher, die Kasnocken und die Kerschflenken (und viele andere wunderbare Pinzgauer Spezialitäten), die Verbundenheit der Leute mit der Landschaft (ist ja auch verständlich, weil sie so schön ist). Und die Arbeitsmoral - auch wenn ich sie manchmal verfluche. ...ich bin im Pinzgau aufgewachsen und bin immer wieder gerne dort.

Ihr persönlicher Musiktipp?
Musik hören und erleben ist ein Lebenselexier für mich. Einige meiner unverzichtbaren Klassiker sind Laurie Anderson "Strange Angels", vieles von Miles Davis (besonders "kind of blue" und "Star people"), Frank Zappa "Apostrophé", vieles von Arvo Pärt (besonders "Alina"), vieles von Bach (besonders die Kantaten für Bass), Charlie Haden und Pat Metheny "Beyond the missouri sky", "Cantoloup Island" von Herbie Hancock. Neuentdeckungen aus der letzten Zeit waren Lieder von John Dowland in verschiedenen Interpretationen, Haydn's "Sieben letzte Worte", Filmmusik der griechischen Komponistin Eleni Karaindrou (zu Filmen von Angelopoulus) und die Jazzvokalistin Cassandra Wilson.

Was verbinden Sie mit dem Wort "lernen"?
Disziplin, Schritt für Schritt, Geduld, Ruhe und Vertiefung, Konzentration, Neugier, Forschungsdrang und Wissensdurst, Abenteuer und Aufbruchsstimmung zu neuen Aussichtsplätzen, im Gehirn und anderswo! Aber auch Veränderungen, Ungewißheit, die Angst vorm "Nicht-können", "Nicht-verstehen", Vergessen und gewohnte Standpunkte loslassen ...

Was möchten Sie noch lernen?
Ich möchte gerne noch viel besser französisch sprechen, ich würde gerne Snowboard fahren können, ich möchte gerne meine Gedanken noch viel systematischer und vor allem flotter niederschreiben können. Ich möchte gerne schneller und besser wissenschaftliche, philosophische Texte lesen lernen. Und wenn ich aufgeregt und nervös bin, möchte ich trotzdem klar denken und ruhig reden können.

Ihr Lieblingsbuch?
Diese Liste könnte lang werden - ich konzentriere mich auf einige mir besonders wichtige Bücher: Elias Canetti "Masse und Macht", Sartre "Das Spiel ist aus", Anne Michels "Fluchtstücke", Marcus Werner "Am Hang". AutorInnen, die ich besonders gerne lese sind Wilhelm Genazino, Wolf Haas, Michael Köhlmeier, Marguerite Duras, Marlene Streeruwitz, Julia Franck.

Ihr Lieblingsfilm?
"Kottan", immer wieder sehenswert! In einer Widersprüchlichkeit zwischen Schönheit der Szenenbilder und Grausamkeit des Zwischenmenschlichen hat mich der Hanecke-Film "Das weiße Band" fasziniert.

Worüber werden Sie oder möchten Sie ein Buch schreiben?
Die Liste ist lang und wird länger: Über praktische Erfahrungen aus dem Konfliktmanagement, über soziologische Beratung, über Zeitmanagement und Kraftbalancen in einer flexibilisierten Arbeitswelt, über Freiheit, Verantwortung und Entscheidung, über nützliche und hinderliche Verhältnisse zwischen Profit- und Non-Profit Organisationen, über Qualitätsansprüche in Sozialen Berufen, über die Soziologie der Emotionen und über die Rolle von Gefühlen in Konflikten. Über Konflikt und Streit zwischen Frauen. Und in einem neu angefangenen Buchprojekt befasse ich mich mit Freundschaft und deren Formen, Entwicklungen, Bedeutungen als soziale Beziehungsform.

Welche Reise würden Sie gerne machen?
Ich würde gerne ausgiebig Frankreich, Kreta und die Türkei bereisen, durchwandern und kennen lernen. Aber im Grunde habe ich keine besonders ausgeprägten Reiseziele, vielmehr Neugier in alle Richtungen - wenn ich erst mal unterwegs bin, komme ich recht schnell ins Schwärmen darüber, wie schön die Welt doch ist. Zwei Reise"bilder" trag ich mit mir rum: ich möchte gerne irgendwo unter einer Pinie oder Tamariske sitzen und ich möchte gerne von einem Berggipfel runterschauen.

Ihr "Anti-Wort" - ein Satz oder Wort, das Sie nicht gern hören?
Geht das nicht schneller? ...dazu würde ich mit Günter Anders sagen: Das Prompte ist das Barbarische.

Was macht für Sie eine richtig gute Arbeits- oder Geschäftsbeziehung aus?
Ebenbürtigkeit im Qualitätsanspruch, eine interessante Aufgabe, einander ergänzende Fähigkeiten im Hinblick auf die Aufgabenstellung, gegenseitige Neugier, Inspiration und Tatendrang. Und Sinn für Humor.

Ihre Lieblingsspeise?
Lachsforelle mit Blattspinat und Bratkartoffeln. Schon alleine wegen der Farben!

Womit sorgen Sie für Ihre Ausgeglichenheit? Wie vermeiden Sie burnout?
Gespräche und Zeit mit Freunden und Freundinnen, in die Sauna gehen, Schwimmen, Tee trinken (vor allem Darjeeling), ausgewählt Musik hören, im Sommer abends draußen sitzen, mich mit meinem Sohn und meiner Stieftochter in der Küche oder beim Autofahren in Gespräche verwickeln, Spaziergänge und Wanderungen alleine oder mit Begleitung (am liebsten im Wald oder noch besser in den Bergen), Kochen und zum Essen einladen, Singen, viel Nachdenken und schreibend reflektieren, die Pflanzen im Haus und im Garten pflegen und hegen, die Wohnung mit Blumen schmücken, lesen lesen lesen, ausgedehnte Frühstückszeremonien an freien Tagen mit Zeitungslektüre. Alles in Allem: ich suche nach Abwechslung und Kontrasten.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Freunde aus?
Nach der Möglichkeit, Begegnungen zu erleben. Das klingt aufs Erste recht einfach, weil man ja meinen könnte, dass man eigentlich täglich Menschen begegnet. Aber ... für mich leben Begegnungen in diesem Sinne von einem geteilten Begehren nach Entwicklung und Entfaltung im Leben, von einer Neugier am Anderen, von dem Wagnis, sich zu verändern in der Begegnung, sich zu zeigen und oft auch sich selber neu zu entdecken im Blick des anderen. Ein Gedanke von Montaigne über die Freundschaft gefällt mir gut: Damit sie entsteht, bedarf es vieler günstiger Umstände und einer Schicksalskraft.

 

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