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Fehige
/ Meggle / Wessels (Hrsg.): |
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Ein Buch über den Sinn des Lebens - ein dickes Buch, ganze 570 Seiten, kleingedruckt! Und wenn man das Buch öffnet, dann beginnt die Sache mit einem schönen Einstieg: "To think is one real advance from hell to heaven." (Moll Flanders) Die HerausgeberInnen haben Texte, philosophische Gedanken, Ausschnitte aus verschiedensten Werken von Philosophen/innen, Wissenschaftler/innen, Schriftsteller/innen und Dichter/innen zusammengetragen und eine reichhaltige Sammlung zum Sinn des Lebens zusammengestellt. So erzählt Leo N. Tolstoi in "Meine Beichte" von seiner Sinnkrise in mittleren Jahren: ...heute oder morgen kommen Krankheit, Tod über die Menschen, die ich liebe, über mich (und sie waren auch schon gekommen), und nichts bleibt von ihnen übrig als Gestank und Gewürm. Meine Taten, sie mögen sein, wie sie wollen, werden früher oder später vergessen sein, und auch ich werde nicht sein. Wozu also all die Mühsal? Wie der Mensch dies nicht sehen kann und leben - das ist das Erstaunliche! ..." (S57). Und er spitzt seine Überlegungen und Zweifel zu: "Die Frage besteht in Folgendem: Was wird das Ergebnis sein von dem, weas ich heute tue, was ich morgen tun werde - was wird das Ergebnis meines ganzen Lebens sein? ... Auf dem Gebiet der Spekulation begriff ich, dass es, obwohl oder gerade weil das Ziel dieses Wissens unmittelbar in der Beantwortung meiner Frage liegt, eine andere Antwort nicht gibt als die, die ich mir selbst gegeben hatte: "Was ist der Sinn meines Lebens?" ..." (S59) Bei der Fülle all dieser Texte und Gedanken über den Sinn des Lebens stellen sich 2 Hauptrichtungen heraus: da sind einerseits diejenigen, die Antworten auf die Frage geben durch religiöse, moralische und politische Manifeste. Und dann sind solche, die sich der Antwort versagen und die Frage vertiefen oder dazu ermutigen, die Frage zu stellen. Die Texte sind auf den ersten Blick beinahe beliebig zusammengetragen und stehen jeweils für sich unverbunden nebeneinander - auch wenn sie gesammelt und geordnet sind unter Stichworten. Beim Lesen entdeckte ich aber auch sehr spannende Verhältnisse zwischen einigen Texten. Beinahe als gedankliches Abenteuer möchte ich die Ausführungen von Viktor Frankl und den Entgegnungen von Günther Anders bezeichnen. Während Frankls Ausführungen vom "Willen zum Sinn" mit anschaulichen Beispielen aufzeigt, wie therapeutisch wohltuend die Sinngebung ist, schlägt Anders mit deftiger Kritik an den "Sinn-Racketeers" zu, welche das Gefühl (der Sinnlosigkeit) statt der Sache bekämpfen. Wenns nach ihm geht, dann liegt die Sache nicht am Unvermögen der Menschen, sich Sinn zu geben, sondern an den Bedingungen, allen voran denen der Arbeitswelt. "Die uns dazu auffordern, das Sinnlosigkeitsgefühl zu bekämpfen - und deren gibt es heute bereits Abertausende -, die sind nicht besser als es Politiker wären, wenn sie den Hungernden in der Sahelzone den Ratschlag gäben, gegen ihr Brotlosigkeitsgefühl anzukämpfen - ein Zynismus, den sich noch kein Staatsmann je herausgenommen hat. Und wenn es Psychotherapeuten gar wagen, den Millionen, die wirklich sinnlos in Büros oder Fabriken oder als Arbeitslose vor Fernsehschirmen herumexistieren, einen "Willen zum Sinn" aufzuschwatzen, dann sind sie nicht besser, als es Staatsmänner wären, die den Hungernden einen "Willen zum Sattsein" empfehlen und ihnen weismachen würden, dieser Wille sei bereits das halbe Brot, mit dem sie sich, wenn sie nur richtig wollten, unverzüglich sättigen könnten." (S133) In solchen Spannungsfeldern wird der mentale Gewinn einer Textsammlung wie dieser spürbar: denn wenn man sich in der Sinnfrage erst mal auf der rutschigen Bahn Richtung "Antwort von außen" befindet, tut es gut, die Wenn und Aber auch zu bedenken. Möglicherweise ist das der Sinn eines solchen philosophischen Unterfangens: vor so vielen Antworten zu stehen, dass man sich erst recht selber eine Antwort geben muss - und geben will. Und dann sind in diesem Buch auch noch zwischendrin die vielen poetischen, inspirierenden Bekenntnisse. Eine davon fand ich in der hinteren Mitte des Buches (S356) - ein noch passenderer Platz wäre ganz hinten gewesen - als Ausklang. Es ist ein kurzer Text von Bertrand Russell: Wofür ich gelebt habe.
München, 2002
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