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Coaching
- ein Modebegriff, eine Mode?
Das Wort Coaching klingt scheußlich, finde ich. Vom Wortklang her
schon (oaaa -chhh), und die Obertöne, die ich dazu klingen lasse,
sind auch nicht gerade positiv besetzt: "Kutsche", jemandem
im Nacken sitzen, jemanden antreiben wie ein Rennpferd, jemanden "trainieren"
bis er schwitzt....
Was ist es wirklich? Eine Erfindung leistungsorientierter Manager und
"Personal-Entwickler", um noch mehr Leistung aus ihren Mitarbeitern
herauszuholen?
Oder ein Versuch vieler Menschen, mehr das zu tun, was sie wirklich tun
wollen? Mit Hilfe der Unterstützung eines anderen, der mitdenkt,
anders sieht, Fragen stellt, Tipps gibt, Hilfe zur Selbsthilfe usw.?
Ob es so funktioniert, und ob die Würde dabei gewahrt bleibt, und
wem diese Ziele wirklich dienen - das muss im Einzelfall und immer frisch
beurteilt werden.
Die Methoden sind vielfältig, die Bedeutung und Beurteilung von Coaching
ist vielfältig - Coaching ist das, was ich damit mache. Aber ich
kann mich des Begriffes bedienen, um für Menschen ansprechbar zu
werden in meiner Bereitschaft und Kompetenz zu "helfen".
Ich
nehme Coaching hier als Beispiel - als eines der vielen Beispiele
- für eine radikale humanistische Philosophie in pädagogischen
Situationen. Im Alltagskontext, im Berufskontext, nicht im therapeutischen
Kontext.
Wie
verwende ich mein humanistisches Weltbild und mein Bewusstsein für
"Entfaltung", "Befreiung", "frei handeln",
um jemanden genau darin zu unterstützen: im "möglichst
frei handeln"?
"Frei handeln" definiere ich hier als:
Das tun, was ich wirklich tun will (= ohne innerlich
oder äußerlich daran gehindert zu werden).
Was
willst du wirklich?
Ich helfe meinem Klienten, seine Ziele zu überprüfen,
bevor ich ihn darin unterstütze, auf seine Ziele loszugehen. Gerade
habe ich eine Klientin, die sich über Monate die extremen Belastungen
in ihrer Arbeit vom Leib geschafft hat, die ihre Arbeits-Beziehungen verbessert
hat, sich gut organisiert, sich einen idealen Arbeitsplatz dort geschaffen
hat. Mittels Coaching. Und jetzt stellt sie sich die Sinnfrage:
will ich mich in diesem Unternehmen überhaupt engagieren? Ist das,
was wir da - unter mittlerweile besten Bedingungen - machen, wirklich
das, was ich mit meiner Lebensenergie machen möchte? Keiner kann
ihr mehr sagen: "es ist gut, das zu tun" - sie sieht:
es gibt kein "besser" und kein "schlechter" an sich,
das sie einfach nur herausfinden müsste. Sie selbst muss bewerten.
Vielleicht hat sie keine große Auswahl aufgrund ihrer Erziehung,
aber die Entscheidungen trifft sie, den Sinn gibt sie, mutterseelenallein.
- Oder eben doch nicht ganz allein. "Selbst", aber nicht einsam,
sondern mit Wohlwollen begleitet, angesehen, beachtet, geachtet.
Innere
und äußere Hindernisse
Natürlich ist das der Kern von Coaching: die Hindernisse zu "entmachten",
sobald das Ziel klar ist: Das Ziel ist nun entweder ein neues und verändertes
Ziel, oder es ist das ursprüngliche, aber durch mein Hinterfragen
von der Person bewusst und "nochmal" bejaht.
Die meisten Hindernisse sind wahrscheinlich innere, und doch gibt es auch
äußere. Ich finde es so wichtig zu unterscheiden zwischen äußeren
und inneren. Und zwischen objektiver Behinderung und den Gefühlen,
die ich mir dazu, also zusätzlich, mache (und zu allen möglichen
anderen zwischenmenschlichen Phänomenen). Das führt zu einem
selbstverantwortlichen Blick: meine Gefühle mache ich selbst, nicht
meine Umwelt. Aber ich kann und muss meine Umwelt verändern, damit
ich so (zusammen-)leben kann, wie ich wirklich leben will. Physisch, materiell,
ökonomisch. Wenn ich meine Umwelt verändern möchte, z.B.
"damit ich mich weniger machtlos-wütend fühle", so
wäre das der falsche Ansatz, ein "Opfer"-Ansatz, eine Dramatisierung.
Das Unterscheiden zwischen inneren und äußeren Hindernissen
führt zu Handlungen auf der "richtigen Ebene": geht's hier
nur um meine Gefühle, oder steckt da ein ganz materielles System
dahinter? - Und umgekehrt: geht's hier um materielle Veränderungen,
oder einfach um meine Sichtweise, mit der ich mich blockiere oder gar
unglücklich mache?
Das Unterscheiden zwischen inneren (subjektiven) und äußeren
(objektiven) Hindernissen ermöglicht "politische Einsichten",
bewusste Strategien auf mehreren Ebenen.
Innere
Hindernisse
= das "schlecht-Gesagte", die sogenannten "Erfahrungen"
(in Wirklichkeit sind's oft Verallgemeinerungen). Sie stehen oft im Weg,
die giftigen Sätze, oder auch nur die dumm-unreflektierten Glaubens-Sätze.
Und Gefühle, die nicht gefühlt werden dürfen - und daher
in Watte gepackt und mit viel Mühe umgangen werden müssen.
Äußere Hindernisse
Sie lassen sich durch einfache Strategie-Prinzipien angehen:
§ das Fernziel aussprechen und überdenken
§ selbst den Weg dahin skizzieren und planen
§ Netzwerkbau und Verbündete nicht vergessen
§ möglichst kleine Schritte setzen, damit Erfolgs-Erlebnisse
passieren (die sind "körperlich"!)
§ den großen Kontext im Auge behalten auch wenn die Schritte
noch so klein sind
§ keine moralische Verpflichtung (mir als Coach oder sonstwem gegenüber),
diese Schritte zu machen.
Verallgemeinerungen
- "falsches" Lernen
Ich helfe meinen Klienten, ihre eigenen Verallgemeinerungen aufzudecken.
Verallgemeinerungen sind in gewisser Weise "Denk-Fehler", unrichtig,
irre-führend, weil sie aus der Gegenwart wegführen - in eine
fingierte statische zeitlose Welt, die nicht existiert. Verallgemeinerungen
werden oft als "Beobachtung" oder "Erfahrung" präsentiert
("das habe ich [aus Leiden] gelernt", "meine Lebenserfahrung
sagt mir"). Ich versuche im Coaching, zum konkreten Einzel-Erlebnis
zu kommen. Den Klienten entdecken lassen, was diese Erlebnisse, bei aller
Gemeinsamkeit, unterscheidet. Sehen lassen, dass die Unterschiede wahrscheinlich
größer sind als die Gemeinsamkeiten der Situationen. Die Chancen
sehen, die in den Unterschieden liegen, die Möglichkeiten und das
Neue in der gegenwärtigen Situation. Jede Situation ist neu, und
die gegenwärtige Situation ist die einzige, in der du handeln kannst.
Ein
Sonderfall von Verallgemeinerungen sind für mich: Abstrakte Begriffe.
Hinterfragen gehört für mich zum Coaching - Undurchdachtes,
einfach Übernommenes "Denken", persönliche Mythen
("ich bin halt ein Wassermann"), unbewusste Glaubenssätzchen,
"Spielregeln" und "Aufträge", die gar nicht existieren,
Bilder, die nicht leben und doch wirken.... Abstrakte Begriffe sind wie
Hüllen, Verpackungen - wenn ich frage, was drin ist, wird's sehr
viel interessanter - oder ganz leer...
Sonderfall
von abstrakten Begriffen sind für mich: Persönlichkeits-Attribute,
Charakterstudien.
Im Coaching kann und soll ich sie hinterfragen - diese besonders ehrlich
aussehenden Selbstdarstellungen wie "Mein Autoritätsproblem",
"Meine ewige Schlamperei", "Mein guter alter Perfektionismus"...
Weg damit! - das erleichtert. Manchmal treffen wir die spielerische Abmachung:
es ein paar Minuten lang überhaupt nicht zulassen, dass solche Festlegungen
passieren.
Selbstverantwortung
heißt: für mich selbst verantwortlich sein - für mein
Verhalten, meine Gefühle, meine Interpretationen, meine Gewohnheiten.
Wie viel Verantwortung ich wirklich für mich übernehme, zeigt
sich in der Sprache - und das lässt sich in einem Coaching-Gespräch
gut erfahrbar machen: "Ich mache mir ein Autoritätsproblem",
besser noch: "ich habe mir gestern ein Autoritätsproblem gemacht
- da war auch eine Entscheidung dabei" - statt: "ich bin schwierig",
oder: "ich habe ein Autoritätsproblem".
JA sagen zu den aufgedrängten Begabungen und Gewohnheiten - sie als
Spezialisierungen verwenden, und zwar für das, was ich jetzt wirklich
will.
Eigentlich geht es mir darum, überhaupt die Würde- und Machtlosigkeit
von Charakter-Definitionen aufdecken - und manchmal habe ich den Eindruck,
es ist einen Moment lang gelungen.
Keine
voluntaristische Pseudo-Freiheit, kein "positiv denken"
Nicht "Ich kann alles, wenn ich nur will" -
sondern:
-
ich wähle, ich sehe, ich bewerte, ich glaube...
-
ich habe gemacht....= meine Geschichte
-
ich mache jetzt ..... (für Fortgeschrittene manchmal sogar bewusst
ohne "weil..")
Gefühle
zulassen
- emotionale Wachheit ("alerte affective"), "präemotionelle
Berührbarkeit" ist in meinen Augen die Basis dafür, dass
Aha-Erlebnisse passieren können, die maßgeschneidert sind -
also nicht zu heftig und nicht zu unbedeutend. Wie kann ich das im Coaching
fördern?
-
Informieren über die emotionale Ebene bei "Erkenntnis-Prozessen"
-
Sicherheit geben
-
Vormachen = selbst berührbar sein
-
Darüber sprechen
-
Mir und der anderen Person bewusst machen, dass ein "Aha!"
ohne Berührbarkeit auch Kopfweh machen kann, und nur ein "fast-Aha!"
bleibt - also dann lieber kein Aha-Erlebnis, wenn es gleich weg-gesteckt
werden muss
Lust
an Verantwortung
Mir geht es im Coaching darum, Lust an der "Freiheit" zu ermöglichen.
Eine tiefe Lust, eine Faszination, eine Leidenschaft (möglichst ohne
Leiden) frei zu lassen, willkommen zu heißen. Das heißt für
mich: immer wieder mich selbst damit berühren, immer wieder selbst
diese Begeisterung erleben, frisch.
Der
Entwicklungsraum eines Menschen ist "nach oben offen"! Auch
meiner! Es ist immer ein Stück mehr "Freiheit" und "Personhandeln"
möglich! - Auch für mich. Die indirekte und manchmal direkte
Botschaft an die Person, die ich coache: wir gehen mit einander! Coaching
ist für mich eine Geschichte von 2 oder mehr Personen, die alle
unterwegs sind - auch wenn die Rollen klar sind in dem vereinbarten Unterstützungs-Prozess.
Ich will spüren lassen, dass auch ich mich bewege, dass auch ich
Neues mache, dass auch ich diese "normale Angst" vor Veränderung
und Neuem kenne und lebe.
Wohlwollen
geben
Die emotionale Ebene zwischen uns beiden ist wichtig. Vielleicht das Wichtigste.
Dein Wohlwollen für dich selbst kann ich nicht ersetzen, aber ich
kann es dir vorstrecken, wie einen Kredit.
Ich kann es vormachen. Wohlwollen für mich selbst, und Wohlwollen
für dich.
Ich kann und will das Wohlwollen für dich selbst immer als Wahlmöglichkeit
zeigen, dich daran erinnern. Es ist in meinen Augen die einzige Basis,
auf der man sich menschenwürdig verändern kann. Und die einzige
Basis, auf der ich dir helfen will, "dich" zu verändern.
Daniel Le Bon, in guter Freund und Lehrer von mir, hat einmal gesagt:
"Du darfst die Menschen nur in dem Maße herausfordern, in dem
du sie liebst." Das sehe ich auch so.
(
Elisa Starzer, Oktober 2003,
Erstveröffentlichung in: "Libérance" - no. 29, novembre 2003
)

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